Vielfalt – konstruiert, analysiert, dekonstruiert

Die Teilnahme an Tagungen ist für mich noch immer eine Ausnahme – ein Zugeständnis an das Familienleben. Jetzt hat es mich aber nach Köln zur Jahrestagung der Kommission „Pädagogik der frühen Kindheit (PdfK)“ der „Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE)“ gezogen. Das Thema

„Im Spannungsfeld zwischen Konstruktion und Normativität: Diversität in der Pädagogik der frühen Kindheit“

hat mich natürlich angesprochen! Besonders gespannt war ich auf den Vortrag von Ulrike Hormel. Mit ihrem Buch zu „Heterogenität – Diversity – Intersektionalität“ hat sie zusammen mit Marcus Emmerich 2013 eine wirklich lesenswerte Abhandlung vorgelegt. Der Titel ihrer Keynote bringt die Botschaft ihres Beitrages bereits gut auf den Punkt: „Soziale Diversität: Phänomene oder Beobachtungsweise?“. Hormel verdeutlichte, dass Diversität sowohl von Wissenschaftler*innen als auch in der Praxis als soziale Realität wahrgenommen wird und nicht als etwas, dass durch einen spezifischen Blick auf die Realität entsteht. Gerade die Institutionen – i.e. Schule – stellen diese Differenz jedoch erst her. Die Begriffe/Konzepte Heterogenität und Diversion, so führt sie aus, erfüllen gerade diese Funktion. Deshalb schlägt Hormel vor, eine institutionelle Perspektive einzunehmen (anstelle einer Kategorialen) und den Blick darauf zu wenden, wie Kategorisierungen geschehen und wie Zuordnungen zu Kategorie vorgenommen werden. Statt Differenz zu untersuchen, sollten also künftig eher die Differenzierungen analysiert werden, statt auf die Adressaten zu schauen, sollte die Adressierung in den Blick genommen werden.

Auch der Beitrag von Ursula Stenger, der den  Bezug zur Pädagogik der frühen Kindheit herstellen sollte, setzte sich mit der Konstruktion von Differenz auseinander. Sie arbeitete die paradoxe Rolle der Diversitätsdiskurse (und -praktiken) heraus, die zwar unterstützen und fördern sollen und wollen, aber dies eben über Etikettierung tun. Dabei wird Diversität als eine „unabänderliche Tatsache“ wahrgenommen, was wiederum bestehende Macht- und Herrschaftsverhältnisse festigt. Um diese Widersprüche der Reifikation aufzubrechen, schlägt Stenger einen phenomenologischen (Forschungs-) Zugang vor.

Die Dritte Keynote von Stefanie Bischoff und Tanja Betz ging der Frage nach, ob pädagogische Fachkräfte „Diversität als Chance, Herausforderung oder Belastung“ wahrnehmen. Als besonders hilfreich erweist sich die in der Einleitung von Betz verwendete Formulierung von der „Normativen Wende“: Immer häufiger wird danach gefragt, wie man „richtig“ mit Heterogenität umgehen kann. Anhand verschiedener Zitate aus qualitativen Interviews arbeitete Bischoff dann heraus, wie genau Differenz hergestellt wird, wodurch konkret Fachkräfte zwischen „ich“ und die „anderen“ unterscheiden. Sieht man die drei Keynote in einem argumentativen Zusammenhang konnte hier also die zuvor theoretisch verhandelte Konstruktion von Differenz veranschaulicht werden, was die Macht dieser Konstruktion für mich noch mal auf sehr eindrucksvolle Weise veranschaulichte.