Macht der Sprache

Über die Macht der Sprache ist bereits viel gedacht und gesagt worden. Als ich in den 1990er Jahren studierte (ja, auch Linguistik…) war Luise F. Pusch die Meisterin für uns Studentinnen. Ihre feministische Sprachkritik, transportiert mit bestechender Klarheit und stets pointiert, faszinierte mich und meine Kommilitoninnen. Nun bin ich im Netz voller Entzücken auf ihren Blog gestoßen und sie ist lesenswert wie eh und je.

Behindertenberatung

Für die Sichtbarkeit von Frauen in der deutschen Sprache (die sie 1984 als „Männersprache“ entlarvte) hat sich jedoch seitdem vieles verändert. Bürgerinnen, Leserinnen und Kundinnen begegnen uns allerorten gleichberechtigt neben Bürgern, Lesern und Kunden. In vielen anderen Bereichen geht es jedoch gar nicht so sehr um Sichtbarmachung, sondern um eine respektvolle Sprache. Der dringende Wunsch nach einer angemessenen Sprache lässt KollegInnen und Studierende gerade im pädagogischen und sozialen Bereich ins sprachliche Trudeln kommen. Eine sehr hilfreiche Zusammenfassung von Problemen und Lösungen sprachlicher Diskriminierung gibt das österreichische Wirtschaftsministerium (!). Empfohlen wird etwa nicht von „Behinderten“ zu sprechen, sondern von „Menschen mit Behinderung“, schließlich sei die Behinderung ja nicht das einzige und erste Identitätsmerkmal, ebenso sei es unangemessen von „Schwarzafrikanern“ zu sprechen, wir würden ja auch nicht „Weißeuropäer“ benennen.

Ich finde, es lohnt sich, die eingefahrenen sprachlichen Bahnen bewusst zu machen und zu verlassen, wenn sie sich als unangemessen, beleidigend oder abwertend herausstellen. In diesem Sinne war die Debatte über diskriminierende Sprache in Kinderbüchern (z. B. von Ottfried Preußler oder Astrid Lindgren) hilfreich, weil Sie uns erneut auf die Macht der Worte gestoßen hat (zur Debatte der lesenswerte ZEIT-Artikel „Die kleine Hexen-Jagd“. Dass aus dem N.-könig der Südseekönig wurde tut der literarischen Qualität Pippi Langstrumpfs nämlich keinen Abbruch (im Gegensatz zu dem N-Wort, das z. B. in den Erzählungen von Mark Twain verwendet wurde und dort auch weiterhin für das Verständnis der Handlung bleibt).

Nicht immer mag eine Korrektur unseres Sprach- und Sprechverhaltens angemessen sein, die Gründe für das Verharren in eine diskriminierenden Sprache sind vielschichtig. Was Luise Pusch für die geschlechtergerechte Sprache feststellt, trifft auch auf andere Bereiche sprachlicher Diskriminierung zu: „Andererseits sind wir alle träge. Überdies gehört unsere Sprechweise zu unserem Intimbereich, in den wir uns nur sehr ungern hineinreden lassen. Geschlechtergerechte Sprache (ich nenne sie ja lieber nur „gerechte Sprache“) bedarf der Einübung und der Bewußtheit. Und wir sprechen lieber und besser, wenn wir uns der Sprache beim Sprechen nicht bewußt sind. Es gibt also ein paar ganz natürliche Bremsen gegen den Sprachfortschritt.“

Das erklärt sicher auch die in Büchern, Hausarbeiten, Broschüren so beliebte Fußnote „Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.“ Schade nur, dass in genau diesen Texten dann ansonsten die Lesbarkeit oft gar nicht so wichtig genommen wird…