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Index für Inklusion – ein Instrument zur Organisationsentwicklung in Kindertageseinrichtungen

  • Überarbeitete Neufassung Index für Inklusion in Kindertageseinrichtungen erschienen
  • Instrument zur Umsetzung von Inklusion
  • Strategie Fragen statt festgelegter Standards, Sensibilisieren statt Messen

Inklusion ist ein abstrakter Begriff, ein hehres Ziel und beim Gedanken an die Umsetzung von Inklusion mag mancher Praktikerin und manchem Praktiker leicht schwindlig werden. Und während in politischen und wissenschaftlichen Debatten darüber gestritten wird, was unter Inklusion „eigentlich“ zu verstehen sei, hat sich in den vergangenen 15 Jahren ein Instrument etabliert, das Inklusion konkretisiert: Der Index für Inklusion.

Entstehung und Entwicklung

Entwickelt wurde der Index für Inklusion von Tony Booth und Mel Ainscow in England für die Nutzung in Schulen (2000). Bald darauf wurde der Index auch ins Deutsche übertragen (2003) und für Kindertageseinrichtungen adaptiert (2006). 2011 entstand eine Index-Variante für Kommunen, „Inklusion vor Ort“ (Montag-Stiftung 2011). Inzwischen ist der Index in 35 Sprachen übersetzt worden (Boban/Hinz 2015). In Deutschland findet er vielfältige Anwendungen in den verschiedensten Kontexten. Aktuell ist eine überarbeitete Version des Index für Kindertageseinrichtungen veröffentlicht worden.

Index für Inklusion

Ziele und Ansatz

Die Kernidee des Index für Inklusion ist es, Indikatoren zu benennen, an denen sich Inklusion ablesen lässt. Jeder Indikator wird anhand von Fragen operationalisiert, so dass sehr konkrete Hinweise für Inklusion benannt werden. Auf diese Weise sollen die Beteiligten für exkludierende Prozesse und Strukturen sensibilisiert werden. Die Indikatoren sind in drei Dimensionen gegliedert: Inklusive Kultur, inklusive Strategie und inklusive Praxis,

Der Index für Inklusion kann die Grundlage für eine differenzierte Selbstevaluation von Einrichtungen sein. Durch die Verwendung von Fragen gelingt es, den Fokus weg von einem Richtig-oder-Falsch-Denken zu lenken und stattdessen die eigene Praxis kritisch unter die Lupe zu nehmen. Dazu trägt auch die Vielzahl von Fragen bei: Der Index umfasst 47 Indikatoren mit insgesamt über 500 Fragen. Diese Vielzahl macht deutlich, dass Inklusion nicht en passant erreicht werden kann, sondern Ergebnis eines umfassenden und dauerhaften Prozesses ist. Die Fülle an Fragen kann auch motivierend sein: Einrichtungen, die die Index-Fragen durcharbeiten, entdecken eben auch Bereiche, in denen sie (ob bewusst oder unbewusst) schon inklusiv arbeiten. Auch darin wird der Prozesscharakter von Inklusion sichtbar: Wir stehen keineswegs am Anfang des Weges („bei Null“).

Durch die Sensibilisierung für Bereiche, in denen Ausgrenzung stattfindet, sollen Zugangs- und Teilhabebarrieren für alle abgebaut werden. Und „für alle“ meint hier tatsächlich „für alle“: Alle Personen oder Gruppen, die potenziell von Ausgrenzung betroffen sind – auch Kinder mit Behinderung, aber nicht nur. Auch Kinder, die das Etikett „Sonderpädagogischer Förderbedarf“ aufgeklebt bekommen haben, sehen sich bisweilen Barrieren gegenüber. Zudem werden in die Überlegungen nicht nur die Kinder einbezogen, sondern alle am System Kita Beteiligten: Kinder, Mitarbeiter*innen und externe Fachkräfte, Eltern, Träger. Eine Kindertageseinrichtung kann nur dann inklusiv arbeiten, so die Grundidee, wenn auch die vielfältigen Bedürfnisse der in ihr arbeitenden Menschen gesehen und berücksichtigt werden. Der Index für Inklusion soll damit auch an eine umfassende menschenrechtlich begründete Diskussion anknüpfen (Boban/Hinz 2015).

Beispiele von Organisationen, die sich mit Hilfe des Index auf den Weg zur Inklusion machen finden sich in der jüngst erschienenen Neuauflage.

Nicht nur die Entwicklung von Inklusion, auch die Entwicklung des Index ist ein kontinuierlicher Prozess. So sehen Boban, Grossrieder und Hinz (2013: 131) das Vorhandensein verschiedener Indexe für unterschiedliche Bereiche als unangemessen und nicht produktiv an. Doch die Entwicklung eines gemeinsamen Index’ für alle Bereiche des Bildungssystems, ist offenbar komplizierter als gedacht., so dass auch der Index für Kindertageseinrichtungen neu aufgelegt wurde. Der einleitende Teil ist im vergleich zur vorhergehenden Ausgabe umfangreicher geworden, Beispiele aus der Kita-Praxis veranschaulichen die theoretischen Erläuterungen. Die Entwicklung eines „Hauses der Inklusion“ als Metapher für das Konzept ergänzt den neuen Index. Zunächst mag das „Haus der Inklusion“ etwas kompliziert erscheinen, so erweist es sich doch bei intensiver Auseinandersetzung als nützlich, weil die Verschränkung von Schlüsselbegriffen, Akteuren und Handlungsschritten verdeutlicht wird.

Kritik

In der aktuellen Diskussion wird weniger der Index für Inklusion selbst kritisiert als vielmehr der ihm zugrunde liegende Begriff von Inklusion: So befürchten Kritiker, dass eine weite Fassung von Inklusion, das sich auf alle Menschen bezieht, den Belangen von Menschen mit Behinderung abträglich ist. So schreibt Ahrbeck (2014: 8): „Die Gefahr, dass sie (die Behinderung, HK) dadurch an gezielter Aufmerksamkeit verlieren und Behinderung zu einem nebensächliche Problem mutiert, lässt sich nicht gänzlich von der Hand weisen.“

Neben dieser grundsätzlichen Überlegung zeigen Erfahrungen mit dem Index für Inklusion, dass einzelne Fragen ein Team auch an seine Grenzen bringen kann (Z.B. Erk/Schubert 2015 und Jerk/Kaiser/Thalheim 2015). Die Einbeziehung externer Moderator*innen oder von Supervision ist dann unabdingbar. Letztlich sollte dies jedoch kein Anlass zur Kritik am Instrument Index für Inklusion sein, sondern eher ein Hinweis darauf, dass Kindertageseinrichtungen mit einer so tiefgreifenden Anforderung, wie Sie die Umsetzung von Inklusion stellt nicht allein gelassen werden sollten.

 

Literatur

Ahrbeck, Bernd (2014). Schulische Inklusion – Möglichkeiten, Dilemmata und Widersprüche. Soziale Passagen, 6(1), 5–19. doi:10.1007/s12592-014-0154-x

Booth, Tony/Ainscow, Mel/Kingston, Denise (2006). Index für Inklusion. Frankfurt: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Booth, Tony/Ainscow, Mel (2006). Index for Inklusion. Developing Learning and participation in schools. Bristol: CSIE.

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (Hrsg.) (2015). Index für Inklusion in Kindertageseinrichtungen. Gemeinsam leben, spielen und lernen. Handreichung für die Praxis. Frankfurt.

Boban, Ines/Hinz, Andreas (2015). Der Index für Inklusion – eine Einführung. In: Dies. (Hrsg.): Erfahrungen mit dem Index für Inkusion. Kindertagseinrichtungen und Grundschulen auf dem Weg. Bad Heilbrunn: Klinkhardt. S. 11-42.

Boban, Ines/Grossrieder, Ivo/Hinz, Andreas (2013). Zur Weiterentwicklung der deutschsprachigen Ausgabe des Index für Inklusion, in: Carmen Dorrance/Clemens Dannenbeck (Hrsg.): Doing Inclusion. Bad Heilbrunn: Klinkhardt. S. 128-135

Erk, Jaqueline/Schubert, Christine (2015): Teilhabe als zentraler Aspekt inklusiver Praxis in der Kita. In: Boban, Ines/Hinz, Andreas (Hrsg.): Erfahrungen mit dem Index für Inklusion. Kindertageseinrichtungen und Grundschulen auf dem Weg. Bad Heilbrunn: Klinkhardt. S. 53-62.

Jerk, Jo/Kaiser, Sabine/Thalheim, Stephan (2015: „Inklusion als Rahmen, in dem alles, die ganze pädagogische Arbeit abläuft“ – Erfahrungen mit dem Index für Inklusion in vier Kindertagseinrichtungen als teik des Sozialraums und der Kommune. In: Boban, Ines/Hinz, Andreas (Hrsg.): Erfahrungen mit dem Index für Inklusion. Kindertageseinrichtungen und Grundschulen auf dem Weg. Bad Heilbrunn: Klinkhardt. S. 63-73.

Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, Bonn (Hrsg.) (2011). Inklusion vor Ort – Der kommunale Index für Inklusion
- ein Praxishandbuch. Bonn: Montag Stiftung.

 

Links

Informationen zur Arbeit am Index für Inklusion:

http://www.inklusionspaedagogik.de

Arbeitsbuch zum Kommunalen Index für Inklusion der Montag-Stiftung:

http://www.montag-stiftungen.de/fileadmin/Redaktion/Jugend_und_Gesellschaft/PDF/Projekte/Kommunaler_Index/KommunenundInklusion_Arbeitsbuch_web.pdf