Heute schon visualisiert?!

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin ein großer Fan von Visualisierungen. Sie können Texte auf den Punkt bringen, auflockern, sinnvoll ergänzen. Gerade bei komplizierten Zusammenhängen kann eine gut gemachte Visualisierung dabei helfen, Strukturen besser zu durchschauen. Und auch für die Auseinandersetzung mit Themen, das Lesen von Literatur und das Erstellen von Texten – also für das wissenschaftliche Arbeiten insgesamt – sind Visualisierungen eine gute Hilfe. Hilfreich für den Einstieg sind verschiedene Techniken, bei denen man ein bestimmtes Modell umsetzt, wie etwa die Mind Map und die Concept Map. Diese wortorientierten Verfahren verlangen für ihr Gelingen auch keine großartigen künstlerischen Fähigkeiten und ihr Prinzip ist leicht verständlich.

Eine Hürde für die Visualisierung ist die dazu notwendige Vereinfachung. Gerade im wissenschaftlichen Kontext tut man sich schwer damit. In einem meiner Seminare schlagen sich die Studierenden gerade mit Concept Maps herum und eine Studentin klagte vergangene Woche, dass doch die ganzen Details verloren gingen, die zum Verständnis unerlässlich sind. Und ich denke, gerade im Weglassen von Details besteht die große Chance von Visualisierungen. In Sachen Vereinfachung bietet die Concept Map noch vergleichsweise viele Möglichkeiten, Nuancen und Zusammenhänge differenziert darzustellen. Ein neues Buch treibt die Reduktion auf die Spitze:

Zwei aktuelle, eher satirisch angelegte Veröffentlichungen geben in Sachen Visualisierung neue Impulse: Der „Atlas der Vorurteile“ des Grafikers Yanko Tsvetko  greift den Gedanken der Landkarten (=Maps) auf: In Welt- und Europakarten ersetzt er Ländernamen durch Vorurteile. So ersetzt er Schweden aus deutscher Sicht durch „IKEA“, Italien „Pizza und Museen“ und die Türkei wird zum „Arbeitskräftenachschub.“ Die Darstellung bringt mich nicht nur zum Schmunzeln (schließlich fühle ich mich an der ein oder anderen Stelle schon ertappt), sondern verdeutlicht eben auch einerseits das starke menschliche Bedürfnis, die Welt weniger komplex zu machen und andererseits die Gefahren , die in einer zu starken Vereinfachung stecken – nämlich Trivialisierung und Denken in Klischees.

Mit anderen grafischen Mitteln bringen auch Matteo Civaschi und Gianmarco Milesi im „Besten Buch ohne Worte“ (Untertitel) zum Ausdruck: In „Das Leben in 5 Sekunden. 200 Biographien von Gott bis Pipi Langstrumpf“ kommen die Autoren mit wenigen Icons und vielen Pfeilen aus, um die Welt zu erklären. Dabei heraus kommen bestechend klare Darstellungen, die stets eine Pointe haben…

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Wie bei „Der Herr der Ringe“ (S. 85/85). Ok, das war nun sehr vereinfachend. Es geht auch komplexer:

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Klonschaf Dolly (S. 72/73)

Ob diese Visualisierungen für wissenschaftliche Zwecke taugen? Ich weiß es nicht. Aber in jedem Falle sind sie eine schöne Inspiration für mehr Klarheit und Übersichtlichkeit. Es muss ja nicht gleich die „Sozialisationstheorie in 5 Sekunden“ sein, aber ein bisschen mehr Mut zur Reduktion schadet sich auch in wissenschaftlichen Publikationen nicht.