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Fokus Bildung: Zu Besuch in einer Kita in Cambridge

Wie sieht eigentlich eine Kita in den USA aus? Im Rahmen einer Forschungsreise konnte ich heute Einblicke in eine reggio-inspirierte Einrichtung in Cambridge (Massachusetts) in den USA gewinnen. De Newtowne School liegt vis-à-vis zur Harvard University und in unmittelbarer Nachbarschaft der ältesten Kirche der Stadt.  Die Leiterin, Hilary Ordoy, zeigte offen, engagiert und voller Stolz, was sie in ihrer Einrichtung tun.

IMG_2444Newtowne School richtet sich an Kinder zwischen 2 und 5 Jahren. Die Gruppen sind dort nicht – wie in Deutschland üblich – altersgemischt, sondern es werden altershomogene Gruppen gebildet. Insgesamt gibt es vier Gruppen, wobei die jüngeren Kinder zu maximal neunt in einer Gruppe sind, die älteren mit 17 Kindern.

IMG_2467In jeder Gruppe sind zwei Lehrer*innen und ein Elternteil anwesend.  Damit ist auch schon eine Besonderheit dieser Schule angesprochen: Die Eltern sind nämlich sehr intensiv in das Schulleben eingebunden und müssen verschiedene Dienste verrichten. Ganz wie es auch in deutschen Elterninitiativen üblich ist, helfen Eltern beim Kochen, Saubermachen, bei der Herstellung von Material, der Gestaltung und Renovierung der Räume und auch bei der Öffentlichkeitsarbeit.

IMG_2494Verglichen mit deutschen Verhältnissen sind die Kosten für die Eltern sehr hoch, denn diese tragen die vollen Kosten – Zuschüsse der öffentlichen Hand gibt es nicht! So kommt es, dass die Kosten für eine Betreuung an 5 Tagen zwischen 9.000 und 10.000 Dollar pro Jahr liegen. Die Aufenthaltsdauer der Kinder in der Einrichtung ist dann täglich zwischen 8:30 und 12:30 pro Tag. Hier geht es weniger darum, einen Betreuungsplatz zu finden, als vielmehr darum, ein möglichst förderndes pädagogisches Angebot zu erhalten. Der in Deutschland an Kitas formulierte Auftrag von „Bildung, Betreuung und Erziehung“ ist hier sehr stark auf Bildung fokussiert. Das ist sicher nicht verallgemeinerter, es gibt natürlich auch andere Einrichtungen – aber es macht deutlich, dass es durchaus andere Schwerpunktsetzungen geben kann, als wir es gewohnt sind.

Viele Ideen, die aus Reggio Emilia (Italien) bekannt sind, finden sich auch hier: Leuchttische und Overheadprojektoren, viele Spiegel, vielfältiges Material. Und es gibt ein Atelier mit Atelierista. Hier werden die verschiedensten Materialien bereitgestellt, vor allem auch Recycling-Material.

IMG_2505Dokumentation spielt eine große Rolle. Dies geschieht mit Hilfe von Klemmbrettern, wobei in jeder Gruppe Kisten mit Klemmbrettern stehen – jedem Kind ist eines zugeordnet auf dem aktuelle Beobachtungen festgehalten werden. Im Flur sind Fotos aus dem Kita-Alltag zu sehen, die dann später in die Portfolios aufgenommen werden. Ja, auch hier gibt es Portfolios! Sie sehen ganz ähnlich aus wie bei uns und enthalten Gemaltes, kleine Lerngeschichten und Fotos.

Ein besonders interessanter Raum ist der Indoor-Spielplatz: Untergebracht im Souterrain gibt es einen riesigen Raum, der in kleine Sektionen unterteilt ist und in dem vielfältige Aktionen stattfinden können: Von der Fahrbahn für Dreiräder, über die Konstruktionsecke bis hin zu einem zweiten Atelier ist hier vieles möglich.

IMG_2452Natürlich frage ich auch nach den Qualifikationen der Mitarbeiterinnen (ja, es sind auch hier ausschließlich Frauen). Alle haben einer Bachelor in „Education“, einige einen Master. die Atelierista hat Kunst studiert.

Viel gäbe es noch zu erzählen, auch kleine Dinge. Es gibt auf jeden Fall auch viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Was mir aber auch hier wieder einmal klar wird ist, dass der Austausch von Vorgehensweisen (Prozesse) und das Sprechen über Haltungen und Sichtweisen (Orientierung) immer eine Bereicherung ist – ob nun mit der Nachbarkita oder einem Early Childhood Center viele tausend Kilometer entfernt.

Cite this article as: Knauf, "Fokus Bildung: Zu Besuch in einer Kita in Cambridge," in Helen Knauf, 25. September 2015, http://www.helen-knauf.de/fokus-bildung-zu-besuch-in-einer-kita-in-cambridge/.