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Erziehungs- und Bildungspartnerschaft: Ein Mythos?

  • Einigkeit über die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen Familien und pädagogischen Fachkräften
  • Das vielfach propagierte Ideal der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft erscheint aber nicht nur unrealistisch, sondern auch fragwürdig
  • Gedankenexperiment: Wie wäre es, wenn die Zusammenarbeit auf ein Minimum reduziert würde?

Große Bedeutung der Zusammenarbeit mit Familien

Dass eine vertrauensvolle und offene Zusammenarbeit zwischen Fachkräften und Familien ein wichtiger Bestandteil bildungsorientierter und hochwertiger frühkindlicher Bildung ist, steht heute außer Frage. Sowohl das Sozialgesetzbuch (SGB VIII §22a (2)) ((„Die Träger der öffentlichen Jugendhilfe sollen sicherstellen, dass die Fachkräfte in ihren Einrichtungen zusammenarbeiten mit den Erziehungsberechtigten und Tagespflegepersonen zum Wohl der Kinder und zur Sicherung der Kontinuität des Erziehungsprozesses““)) als auch die Bildungspläne schreiben diese Kooperation als Aufgabe von Kindertageseinrichtungen fest ((Im Hessischen Bildungs- und Erziehungsplan heißt es: „Hier öffnen sich beide Seiten füreinander, tauschen ihre Erziehungsvorstellungen aus und kooperieren zum Wohl der Kinder. Bei einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit findet das Kind ideale Entwicklungsbedingungen vor: Es erlebt, dass Familie bzw. Tagespflegeeltern und Kindertageseinrichtung bzw. Schule eine positive Einstellung zueinander haben und (viel) voneinander wissen, dass beide Seiten gleichermaßen an seinem Wohl interessiert sind und sich ihm gegenüber erzieherisch ähnlich verhalten.“)). Die gewachsene Bedeutung der Zusammenarbeit mit Eltern wird, wie Cloos und Karner (2010) analysieren, u.a. damit begründet, dass

  • Entwicklungsbedingungen von Kindern verbessert werden, wenn Kita und Familie an einem Strang ziehen,
  • Leistungspotenziale besser ausgeschöpft und Entwicklungsdefizite besser ausgeglichen werden können, wenn Familie und Fachkräfte zusammen daran arbeiten,
  • die gesellschaftliche Integration besser gelingt, wenn Kitas Eltern in ihrer Erziehungsarbeit unterstützen und dass
  • Kitas besser auf die Bedürfnisse von Eltern eingehen können und so die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser gelingen kann.

Wachsende Kritik am Ideal der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft

Die Einsicht in die Bedeutung von Familie als primärer Sozialisationsinstanz bringt gerade in der Bildungspolitik die Vorstellung mit sich, dass eine Zusammenarbeit von Familie und Kita besonders positive Effekte hat. Jedoch sind diese positiven Effekte tatsächlich kaum empirisch nachweisbar (Betz 2015). So ist die Idee einer „Erziehungs- und Bildungspartnerschaft“ zwischen Familien und Fachkräften in den letzten Jahren immer wieder kritisiert worden. Insbesondere der Begriff der „Partnerschaft“ und die Vorstellung, Eltern und Fachkräfte sollten sich „auf Augenhöhe“ begegnen, wird dabei als unrealistisch und auch nicht zielführend kritisiert: Erstens haben Eltern und Fachkräfte unterschiedliche Rollen in Bezug auf das Kind, unterschiedliche Interessen und unterschiedliche Bindungen ans das Kind und zweitens sind auch die Qualifikationen in der Regel sehr unterschiedlich (Betz 2015). Die Rede von der Professionalisierung und Aufwertung pädagogischer Fachkräfte wird damit letztlich konterkariert. Weitere Kritikpunkte an der Zusammenarbeit mit Eltern schließen sich an:

  • Die oftmals stattfindende Verschiebung von Problemen (und der damit verbundenen Verantwortung) aus dem Kita-Alltag hinaus hin zu den Eltern (Prott und Hautumm 2004).
  • Das oft recht eindimensionale oder sogar normierte Bild von Familien, das den gesellschaftlichen Realitäten nicht gerecht wird (Cloos und Karner 2010).
  • Die meist marginale Rolle der Kinder, deren Teilhaberechte teilweise ganz aus dem Blick geraten (Betz 2015)
  • Die strukturellen Rahmenbedingungen (Zeit, Personal, Qualifikation), die eine angemessene und für alle Seiten befriedigende Zusammenarbeit begrenzen.

Angesichts dieser grundlegenden Kritik möchte ich hier zu einem kleinen Gedankenexperiment einladen:

Wie wäre es, wenn die Zusammenarbeit mit Eltern kein Ziel der Priorität A in Kindertageseinrichtungen wäre?

Der Kontakt beschränkte sich dann auf einen freundlichen Gruß beim Bringen und Holen der Kinder. Fachkräfte könnten die gewonnene Zeit investieren in die Vorbereitung des Kita-Tages, in die Arbeit mit den Kindern selbst und in intensive Dokumentation dessen, was sie mit den Kindern tun. Eltern könnten – statt Kuchen zu backen, zu Elternabenden zu gehen, bei Eltern-Kind-Aktionen mit anzupacken – Zeit mit ihren Kindern verbringen oder sich einfach mal abends auf dem Sofa langmachen. Beiden – Fachkräften und Familien – blieben unangenehme Gespräche erspart, in denen die Fachkraft zur „Petze“ des schlechten Verhaltens des Kindes wird (Prott und Hautumm 2004). Eltern brauchten sich nicht zu rechtfertigen, Interesse zu heucheln oder immer gleichen Diskussionen über die Vor- und Nachteile von Bio-Essen/Konsolenspielen/Plastikspielzeug lauschen. Fachkräfte müssten nicht die Enttäuschung verdauen, dass der liebevoll vorbereitete Elternabend doch nur von einem Viertel der Eltern besucht wurde. Sie müssten nicht den Frust hinunterschlucken, dass die Kuchenspenden zum Sommerfest nur nach mühsamem Hinterherlaufen in ausreichender Zahl zusammengekommen sind.

Ich denke, die radikale Abschaffung von Gesprächen, Treffen und Aktionen zwischen Fachkräften und Familien ist eine extreme Perspektive, die so wohl eher nicht erstrebenswert ist. Aber es lohnt sich, einmal darüber nachzudenken: Vielleicht wird daran deutlich, worauf es wirklich ankommt in der Zusammenarbeit zwischen Fachkräften und Familien. Was wirklich wichtig ist.

Was meint ihr? Was sind die wirklich wichtigen Elemente der Kooperation? Was würde fehlen, wenn alles abgeschafft würde? Gibt es ein anzustrebendes Zwischending – wie sieht es aus?

Literatur

Betz, Tanja (2015): Das Ideal der Bildungs- und Erziehungspartnerschaft. Kritische Fragen an eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Kindertageseinrichtungen, Grundschulen und Familien. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung. Download unter: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/das-ideal-der-bildungs-und-erziehungspartnerschaft/

Cloos, Peter/Karner, Britta (2010): Erziehungspartnerschaft? Auf dem Weg zu einer verändertenZusamenarbeit von Kindertagseinrichtungen und Familien. In: Dies. (Hrsg.): Erziehung und Bildung von Kindern als gemeinsames Projekt. Zum Verhältnis familialer Erziehung und öffentlicher Kinderbetreuung. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren. S. 169-189.

Prott, Roger/Hautumm, Annette (2004): 12 Prinzipien für eine erfolgreiche Zusammenarbeit von Erzieherinnen und Eltern. Berlin: Verlag das Netz. PDF unter http://www.familienzentrum.nrw.de/fileadmin/documents/pdf/materialien/elternarbeit_12prinzipien.pdf