Bewertung im Studium II: Worin besteht eigentlich die Leistung?

Die Frage der angemessenen Benotung treibt mich weiter um. Die pädagogische Literatur zum Thema scheint vor allem dem Trend zu folgen, dass der Lernprozess stärker in den Blick genommen wird. Dabei werden die überkommenen Formen der Leistungsbewertung deshalb kritisch gesehen, weil sie vor allem die Prüfungssituation und die hier erbrachte Leistung fokussieren. Felix Winter schreibt in seinem Klassiker über „Leistungsbewertung“ (hier: 5. Auflage von 2012): „Andere Leistungssituationen und entsprechende Inhalte werden dadurch zurückgedrängt oder als weniger wertvoll erachtet, zumindest soweit, als sie keine oder weniger Anerkennung in der  Benotung finden.“ (S. 38). Deswegen empfiehlt er andere Formen der Leistungsbewertung, bei denen der Prozess und außerhalb der Prüfung liegende Leistungskontexte überhaupt erst ermöglicht und dann auch in die Benotung einbezogen werden, wie etwa (natürlich) das Portfolio oder Lerntagebücher.

Bei uns an der Hochschule gibt es derzeit eine rege Diskussion um die Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen. Da der rechtliche Rahmen eine Verpflichtung zum regelmäßigen Erscheinen der Studierenden nicht ermöglicht, werden sie tatsächlich nur von wenigen Lehrenden durchgeführt. Gegen die noch geführten Anwesenheitslisten regt sich von Asta und Fachschaftsrat Widerstand. Auch ich bin keine Anhängerin von Anwesenheitsverpflichtungen. Verknüpft man diese Frage jedoch mit der nach der Leistungsbewertung, ergibt sich tatsächlich ein Problem: Prüfungsordnungen und Modulkataloge legen ausdrücklich fest, dass nur die Prüfungsleistung (mündlich oder schriftlich) als Grundlage für die Benotung herangezogen werden darf. Damit entsteht eine erhebliche Hürde für die prozessorientierte Leistungsbewertung: Formal darf also nur die von Winter kritisierte Prüfungssituation zur Leistungsbewertung herangezogen werden.

Ziel sollte es also sein, Formen der Prüfungsleistung zu finden, die den Lernprozess differenziert einbeziehen und einbinden – die Suche geht also weiter!