Bewertung im Studium I: Von der Gerechtigkeit zur Anerkennung

Mit dem auslaufenden Wintersemester rückt auch wieder die Notwendigkeit der Benotung studentischer Arbeiten in den Blick. Dabei beschäftigt mich immer wieder die Frage, ob es eine gerechte Form der Notengebung geben kann und wenn ja, wie diese herzustellen ist. Konkret wird das immer dann zu einem Bewertungsproblem, wenn sich eine Studentin vor dem Hintergrund einer ungünstigen Ausgangsbasis besonders in eine Aufgabe reinhängt, sich deutlich erkennbar intensiv mit einem Thema befasst hat und zu einem persönlich großen Erkenntnisgewinn gekommen ist – und gleichzeitig eine andere relativ entspannt zu ihren Ergebnissen gekommen ist. Was soll ich nun bewerten? Persönlichen Erkenntnisgewinn und Engagement oder den Output allein? Prozess oder Ergebnis? In einer Online-Gruppendiskussion mit unseren Studierenden bringt eine Diskussionsteilnehmerin den Themenkomplex auf den Punkt:

Es ist nun mal Realität, dass wir alle unterschiedliche Kontexte haben und „DIE GERECHTIGKEIT“ wird es wohl nicht geben. Kaum auszuhalten finde ich aber, wenn so getan wird als würden alle gerecht behandelt werden, es aber so gar nicht ist!!!“

Unter dem Schlagwort „Neue Lernkultur“ sind in den letzten Jahren zahlreiche Projekte und Publikationen entstanden, die den Fokus auf den Lern-Prozess richten. Diese steht aber im Widerspruch zu der Notwendigkeit, in den meisten Studienmodulen Noten zu geben. Dadurch entsteht das, was der Erziehungswissenschaftler Felix Winter hier als „prüfungszentriertes“ Lernarrangement bezeichnet. Sie steht letztlich auch in Widerspruch zu der Anforderung an Studiengänge, die Studierenden in ihrer Kompetenzentwicklung zu unterstützen anstatt sie (ausschließlich) mit Wissen zu füttern.

Wie kann der Ausweg aus diesem Dilemma aussehen? Das Zitat der Studentin verweist darauf, dass eine objektive Gerechtigkeit möglicherweise Illusion ist. Neben den unterschiedlichen Leistungsvoraussetzungen kommt gerade in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern noch hinzu, dass eine allgemeingültige „Messung“ der Leistung kaum möglich ist.

Vielleicht geht es ja auch gar nicht so sehr darum, Gerechtigkeit herzustellen, sondern um die Anerkennung der erbrachten Leistungen: Menschen „nehmen institutionelle Vorgänge dann als soziales Unrecht wahr, wenn sie dadurch Aspekte ihrer Persönlichkeit missachtet sehen, auf deren Anerkennung sie ein Anrecht zu haben glauben“ schreibt Axel Honneth 2003 in seinem Buch „Recht auf Anerkennung“ (Seite 156). Für die Bewertung von Studienleistungen könnte das bedeuten, dass sie auf einer differenzierteren Grundlage basieren sollten. Eine daraus folgende Perspektive ist es, Lernende in die Leistungsbewertung systematisch einzubeziehen – eine Entwicklung wie sie für Schülerinnen und Schüler schon seit längerem diskutiert und erprobt wird. Warum sollte dies nicht auch und erst recht mit Studierenden möglich sein?