MOOC-Fellowship-Bewerbung “Auf den Anfang kommt es an: Qualität in der Frühpädagogik”

Die Weiterentwicklung von Qualität und Akademisierung in der Frühpädagogik ist eine umfangreiche Aufgabe. Bei 50.000 Kitas in Deutschland ein langwieriger Prozess. Ein MOOC (Massive Open Online Course), ein für alle Interessierten offenes Bildungsangebot im Internet kommt da wie gerufen. Stifterverband und iversity schreiben aktuell 10 Fellowships aus, die die Produktion von MOOCs unterstützen sollen. Unter dem Titel “Auf den Anfang kommt es an: Qualität in der Frühpädagogik” bewerbe ich mich um eines davon:

Es gibt über 200 Bewerbungen! Teil des Auswahlverfahrens ist ein Online-Voting. Deswegen hier die herzliche Einladung zur Abstimmung!

 

Immer weniger „Normale“: Wie Messen und Testen dazu führt, dass es immer mehr Kranke gibt

Wie in anderen Feldern von Bildung und Sozialem gibt es auch in der Frühpädagogik immer mehr Instrumente, um die Wirklichkeit zu messen und zu testen: Der Entwicklungsstand von Kindern, die Qualität einer Einrichtung oder die Wirksamkeit eines Programms werden geprüft und evaluiert. Diese Entwicklung ist wichtig und trägt zu einer Professionalisierung der Arbeit von Pädagoginnen und Pädagogen maßgeblich bei. Durch das systematische Erfassen der Entwicklung von Kindern kann eine optimale Förderung gewährleistet werden, durch die Anwendung von Qualitätsindikatoren eine hochwertige pädagogische Arbeit sichergestellt durch die Evaluation pädagogischer Programme kann fundiert entschieden werden, wo zukünftig investiert wird und wo eher nicht.

Doch die zunehmende Messung und „Messbarmachung“ hat auch unerwünschte Nebenwirkungen. Eine wichtige Nebenwirkung beschreibt der amerikanische Psychiater Allen Frances (2013) in seinem Buch „Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen.“ Frances zeigt zunächst die Schwierigkeiten auf, Normalität und Gesundheit eindeutig zu definieren. Diese Unschärfe ermöglicht es, dass der Bereich der Abnormität und Krankheit immer weiter ausgedehnt wird. Der Anteil des Verhaltens und der Anzeichen, die als Symptome für eine Krankheit gelten, wird immer breiter. Frances führt weiter aus, dass es „Modediagnosen“ gibt, wie etwa bei Kindern Autismus und ADHS: „Unsere Welt vereinheitlicht sich und unsere Toleranz gegenüber individuellem Anderssein, gegenüber Exzentrizität nimmt ab; immer mehr neigen wir dazu, jede Abweichung von einer gefühlten Norm zu pathologisieren: Der Jüngste in der Klasse ist nicht deshalb der körperlich Aktivste, weil er einfach noch jung ist, sondern er leidet zweifellos unter ADHS und muss ein Medikament einnehmen.“ (a.a.O.: 132).

Frances nennt verschiedene Ursachen für diese diagnostische Inflation, wie etwa die Interessen der Pharmaindustrie, die an möglichst vielen Patienten mit möglichst hohem Bedarf an Medikamenten interessiert sei. Eine weitere Ursache – und hier schließt sich der Kreis zu dem Bedarf nach Testung und Messung – beschreibt Frances die Entwicklung von detaillierten Kriterienkatalogen zur Bestimmung von psychischen Störungen, wie etwa die verschiedenen Fassungen des DSM (Diagnostic and Statistic Manual of Mental Disorders). Hier liegt die Analogie zu den zahlreichen Entwicklungstabellen und Beobachtungsbögen für Kinder auf der Hand: Die differenzierte Beschreibung von Entwicklungsständen, die durch die verschiedenen Instrumente unterstützt wird, führt mitunter genau zu der von Frances beschriebenen Pathologisierung.

Kindertageseinrichtungen, Eltern und nicht zuletzt diejenigen, die Fördermaßnahmen finanzieren (Kommunen, Krankenkassen etc.) fordern standardisierte und objektive Hinweise darauf, was ein Kind in welchem Alter können sollte. Dies scheint im Sinne der Kinder zu sein, denn eine handfeste Diagnose ermöglicht es oft erst, Frühförderung, Logopädie, Integrationshilfe und andere Therapien zu erwirken und einzusetzen. Und natürlich sind standardisierte Beobachtungstabellen nützliche Instrumente, um herauszufinden, wo ein Kind steht und welchen Unterstützungsbedarf es hat. Vielleicht sind sie jedoch auch in Frances’ Sinne eine Art Steilvorlage für die Definition eines zunächst einfach nur anderen Verhaltens als Krankheit. Möglicherweise wird dadurch die Grenze zwischen normal und abnormal weiter verschoben und der Bereich dessen, was als „normal“ wahrgenommen wird, wird weiter begrenzt.

Frances, Allen (2013): Normal. Gegen die Inflation der psychiatrischen Diagnosen, Köln.

Nachtrag zum Thema im Mai 2013: Unter dem Titel “Heute noch normal, morgen schon verrückt” findet sich in ZEIT-Inline ein Artikel zum DSM-5.

Medienkindheit: Zwischen Verfallspanorama und Entwicklungsperspektive

In dieser Woche bin ich mit meinem Blog-Beitrag zu Gast auf “Soziale Medienbildung”, der virtuellen Heimat der Medienpädagogik am Fachbereich Sozialwesen und der Weiterbildung meiner Hochschule. Mein Beitrag befasst sich mit der widersprüchlichen Wahrnehmung von Mediennutzung in der Kindheit: Immer wieder wird nahezu dramatisch auf den mit Medien verbundenen gesellschaftlichen Verfall verwiesen. Müssen PädagogInnen Kinder nicht vor der Bedrohung durch Medienwelten bewahren? Doch andererseits bieten Medien auch große Potenziale für die Entwicklung von Kindern. Welche dies sind, lesen Sie hier.

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Unglückliche Kinder? Die neue UNICEF Kinderstudie

Die Situation von Kindern und Jugendlichen war in der vergangenen Woche ein wichtiges Thema in den Medien. Dank der neuen UNICEF-Studie zur Lage der Kinder, befassten sich zahlreiche Beiträge mit der Perspektive von Kindern und der Frage, wie man diese verbessern könne. Für alle, die sich tagtäglich mit den Rahmenbedingungen des Aufwachsens von Kindern befassen eine positive Entwicklung. Eigentlich. Denn die Argumentation, die die Berichterstattung nahm, gibt zu denken. Weiterlesen

Heute schon visualisiert?!

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin ein großer Fan von Visualisierungen. Sie können Texte auf den Punkt bringen, auflockern, sinnvoll ergänzen. Gerade bei komplizierten Zusammenhängen kann eine gut gemachte Visualisierung dabei helfen, Strukturen besser zu durchschauen. Und auch für die Auseinandersetzung mit Themen, das Lesen von Literatur und das Erstellen von Texten – also für das wissenschaftliche Arbeiten insgesamt – sind Visualisierungen eine gute Hilfe. Hilfreich für den Einstieg sind verschiedene Techniken, bei denen man ein bestimmtes Modell umsetzt, wie etwa die Mind Map und die Concept Map. Diese wortorientierten Verfahren verlangen für ihr Gelingen auch keine großartigen künstlerischen Fähigkeiten und ihr Prinzip ist leicht verständlich.

Eine Hürde für die Visualisierung ist die dazu notwendige Vereinfachung. Weiterlesen

Minecraft und andere Lebenselixiere

Kinder und Medien sind ein „heißes Eisen.“ Erst zuletzt in einer Diskussion mit Studierenden über die Frage, was eine gute Kindheit ausmacht, werden die Bildschirmmedien als Bedrohung eines entwicklungsförderlichen, glücklichen und  gelingenden Aufwachsens gesehen.  Und nicht nur unter PädagogInnen weckt der Mediengebrauch von Kindern und Jugendlichen kritische Stimmen, die oft nahezu alarmistisch klingen (siehe dazu etwa „Digitale Demenz“ des Hirnforschers Manfred Spitzer).

Eine neue Perspektive auf das Thema bietet der Kulturwissenschaftler Robert Pfaller: Im gleichnamigen Buch beschreibt er die Bedeutung „Zweiter Welten“. Weiterlesen

Macht der Sprache

Über die Macht der Sprache ist bereits viel gedacht und gesagt worden. Als ich in den 1990er Jahren studierte (ja, auch Linguistik…) war Luise F. Pusch die Meisterin für uns Studentinnen. Ihre feministische Sprachkritik, transportiert mit bestechender Klarheit und stets pointiert, faszinierte mich und meine Kommilitoninnen. Nun bin ich im Netz voller Entzücken auf ihren Blog gestoßen und sie ist lesenswert wie eh und je.

Behindertenberatung

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Qualitätsmanagement zwischen Standardisierung und Individualisierung

Der massive Ausbau von Kindertagesbetreuung in den letzten Jahren hat auch die Qualitätsentwicklung und -sicherung noch stärker als zuvor in den Blick geholt. Doch wie wird diese Qualität eigentlich festgelegt? Wer bestimmt, was Qualität ist? Gibt es eine objektive, für alle Kindertageseinrichtungen gleichermaßen gültige Qualität?

Im Interview macht Tassilo Knauf… Weiterlesen

Practice what you preach: Inklusionsforschung und Hochschule

Die diesjährige Tagung der Inklusionsforscher/-innen fand Ende Februar an der Uni im schönen Leipzig statt.  Im Mittelpunkt stand das Thema „Diversity im  Spiegel von Bildung und Didaktik“.  In den Arbeitsgruppen wurden die verschiedenen Ebenen und Bereiche des Bildungssystems – angefangen bei der „Frühen Bildung“ – beleuchtet. Ich hatte mich für die von Carmen Dorrance und Clemens Dannenbecker geleitete Arbeitsgruppe „Hochschulentwicklung/Hochschuldidaktik“ entschieden und dort auch selbst einen Beitrag eingebracht. Weiterlesen

Bewertung im Studium II: Worin besteht eigentlich die Leistung?

Die Frage der angemessenen Benotung treibt mich weiter um. Die pädagogische Literatur zum Thema scheint vor allem dem Trend zu folgen, dass der Lernprozess stärker in den Blick genommen wird. Dabei werden die überkommenen Formen der Leistungsbewertung deshalb kritisch gesehen, weil sie vor allem die Prüfungssituation und die hier erbrachte Leistung fokussieren. Weiterlesen