Evaluation an Hochschulen – die Perspektive der Studierenden in den Mittelpunkt

Das Stichwort Evaluation ist an Hochschulen eng verknüpft mit den regelmäßig zu Semesterende in den Lehrveranstaltungen kursierenden Fragebögen. Auch bei uns an der Hochschule wird fleißig evaluiert, ob online oder im Printformat. Die studentische Veranstaltungsevaluation ist in den letzten Jahren deutlich professionalisiert worden. Dabei kann gelegentlich der Eindruck entstehen, es handele sich lediglich um ein Professoren-Rating durch Studierende mit dem Ziel, die sonst so wenig kontrollierbaren Lehrenden etwas enger an die Kandare zu nehmen.

Umso wichtiger erscheint es mir, auf andere Ansätze aufmerksam zu machen, die die Potenziale von Evaluation als differenziertes Instrument der Qualitätsentwicklung sichtbar machen. Ein gelungenes Beispiel für andere Formen der Evaluation beschreiben Nadine Merkator und Andrea Welger in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Hochschulentwicklung, die sich mit Qualitätssicherung befasst. Unter dem Titel „Neue Formen der Qualitätssicherung – dialogische Evaluation in Lehre und Studium“ beschreiben die beiden Fachfrauen für Evaluation bei uns an der Hochschule Fulda ein gesprächsorientiertes Verfahren der Evaluation. Dies setzt neben die üblichen quantitativen Fragebogenerhebungen den Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden mit Hilfe von Moderationstechniken. Das im Artikel geschilderte Vorgehen steht in engem Zusammenhang mit dem seit einigen Jahren bei uns am Fachbereich Sozialwesen (SW) durchgeführten „SW Dialog“, bei dem sich ein- bis zweimal pro Jahr Studierende und Lehrende über Studium und Lehre austauschen. In Anlehnung an die Großgruppenmoderation nach „Open Space“ können alle Beteiligten anstehende Themen und Probleme einbringen. Das 2006 von Susanne Weber und Andrea Welger erstmals bei uns durchgeführte Format erlaubt einen offenen Austausch, für den im normalen Lehrgeschehen oft keine Zeit bleibt. In diesem Jahr nun fand der „SW Dialog“ in aktualisierter Form statt, geplant und moderiert von Studierenden des zweiten Semesters im B.A. Soziale Arbeit. Diese konsequente Orientierung an der Perspektive der Studierenden setzt den „Shift from teaching to learning“ nun auch für die Evaluation fort.

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Die besondere Herausforderung besteht darin, die oft vielfältigen – und manchmal auch kontroversen – Ergebnisse dann auch in den Studienalltag einzubringen, damit es nicht bei einem unverbindlichen „Gut, dass wir drüber geredet haben“ bleibt. In jedem Fall ist der Impuls von Merkator und Welger wichtig, um die interaktive Seite von Evaluation hervorzuarbeite, bei der es möglich ist, Nachfragen zu stellen, Zusammenhänge zu erklären und im Idealfall gemeinsam nach Weiterentwicklungsmöglichkeiten zu suchen – denn gute Lehre ist ein Gemeinschaftsprodukt von Lehrenden und Studierenden.

Diesen Gedanken greift auch das Modell des Teaching Analysis Poll (TAP) auf: TAP stammt ursprünglich aus der us-amerikanischen Hochschulwelt und wird seit 2008 an der Universität Bielefeld durch das dortige „Team Lehren & Lernen“ unterstützt. Andrea Frank, Melanie Fröhlich und Swantje Lahm beschreiben – ebenfalls in der Zeitschrift für Hochschulentwicklung, allerdings bereits 2011 – das  Verfahren folgendermaßen: Etwa in der Mitte der Veranstaltungslaufzeit können Lehrende MitarbeiterInnen des Teams einladen. Diese führen dann – in Abwesenheit der/des Lehrenden eine Zwischenauswertung durch und „reflektieren die (…) die Lernförderlichkeit der Veranstaltung“ (S. 312). Im Mittelpunkt stehen drei Fragen:

  • Wodurch lernen Sie in dieser Veranstaltung am meisten?
  • Was erschwert Ihr Lernen?
  • Welche Verbesserungsvorschläge haben Sie für die hinderlichen Punkte?

Die Art der Fragen ist wesentlich konstruktiver als alles, was wir aus der typischen quantitativen Lehrevaluation kennen. Dies hängt natürlich auch mit dem Zeitpunkt zusammen: Nicht etwa am Ende des Semesters an dem das Kind (die Veranstaltung) schon in den Brunnen gefallen ist, sondern mitten drin, wenn noch etwas verändert werden kann. Im letzten Semester habe ich versucht, diese veranstaltungsbegleitende Evaluation in meinen Online-Modulen aufzugreifen und ein begleitendes Forum zur „Modulreflexion“ eingerichtet. Dabei konnte ich wichtige Impulse von Studierenden bekommen und auch einiges aufnehmen. Aber natürlich bleibe ich die Lehrende der Veranstaltung und damit auch diejenige, die am Ende die Noten gibt. Die ein oder andere ehrliche Information über das Lernen der Studierenden und meinen Beitrag dazu ist mir deswegen bestimmt durch die Lappen gegangen. Evaluation, so wird deutlich, hat also immer auch mit Vertrauen zu tun: Mit dem Vertrauen von Studierenden in die Fähigkeit und Bereitschaft von Lehrenden, das Feedback nicht in die Benotung einfließen zu lassen.

Kitaausbau: Das Gebäude schafft den Rahmen für die pädagogische Arbeit

Wie soll eine Kindertageseinrichtung gebaut werden? Welche Möglichkeiten gibt es? Welche Rahmenbedingungen, Erfordernisse und Auflagen sind zu berücksichtigen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich nicht nur PädagogInnen und Träger, sondern auch die Holzbranche: In Köln fand in der vergangenen Woche der „6. Europäische Kongress für effizientes Bauen mit Holz“ statt. Neben Planenden, Herstellenden und Verarbeitenden waren auch WissenschaftlerInnen eingeladen, ihre Erkenntnisse zu präsentieren. Unter der Überschrift „Bauen für die Kinder“ stellte so auch Marcus Knauf Ergebnisse der Studie „Holzbaupotenziale im Schul- und Kitabau“ vor. Dabei wurde der derzeit stark forcierte Ausbau der Betreuung für Unterdreijährige als wichtiger Motor für (Holz-) Bauvorhaben in diesem Bereich sichtbar:

 

Überraschenderweise fällt der Neubau jedoch eher weniger ins Gewicht (vgl. Kongressbeitrag Marcus Knauf). Viel wichtigere Impulse bietet dagegen die Modernisierung bestehender Gebäude. Mit dem Aufbau der neuen Infrastruktur in den letzten Jahren ist die Instandhaltung und Modernisierung der ca. 50.000 bestehenden Kitas in Deutschland oftmals vernachlässigt worden. Hier besteht in Zukunft erheblicher Nachholbedarf. Die Verwendung von Holz als Baumaterial bietet sich hier an, weil Holz gerade für die Gebäudemodernisierung ein gut zu verarbeitender Werkstoff ist (etwa bei Aufstockungen oder An- und Ausbauten). Vor allem die große Flexibilität des Werkstoffs ist hier entscheidend. Zudem spricht Holz durch seine Eigenschaften (Struktur, Wärme) die menschlichen Sinne in besondere Maße an, ist natürlich und als nachwachsender Rohstoff auch ökologisch sinnvoll. Deswegen wird Holz gerade in Gebäuden mit pädagogischen Zielen gerne und häufig verwendet.

Hinzu kommt, dass eine moderne und zugleich kindorientierte Gestaltung der Kitagebäude zunehmend zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor wird. In immer mehr Regionen geht die Zahl der Kinder zurück und Kindertageseinrichtungen müssen darauf achten, für Eltern auch attraktiv zu sein. Marcus Knauf: „Eltern werden nicht mehr längere Zeit auf einen Kitaplatz warten müssen, Wartelisten wird es nur noch für sehr gute Einrichtungen geben. Aus der Sicht des Marketings kann man davon sprechen, dass sich der Markt für Kinderbetreuung von einem Verkäufer- zu einem Käufermarkt entwickelt. Davon profitieren Kinder und Eltern, aber auch die Pädagoginnen in den Einrichtungen, deren Rahmenbedingungen (Investition in Räume und Gebäude) sich verbessern werden. Träger von Kitas werden hier aktiv werden – nicht nur, um Eltern anzusprechen, sondern auch um qualifizierte Pädagoginnen zu gewinnen und langfristig an die Einrichtung binden zu können.“

Aus diesen bauwirtschaftlichen und demographischen Analysen ergeben sich viele positive Perspektiven für die zeitgemäße Gestaltung pädagogisch gestalteter Räume. Zu hoffen bleibt, dass diese Entwicklungen nicht nur in kurzfristig effektvollen Bauprojekten münden, sondern zu pädagogisch durchdachten Gebäuden führen. Eine enge Zusammenarbeit von Architekturbüros, Trägern und PädagogInnen in Planungs- und Erstellungsprozess ist dafür unerlässlich.

Neue Plattform: frühe-kindheit.de

Unter “Frühe Kindheit” finden sich jetzt meine Blog-Beiträge aus dem Feld der Frühpädagogik. Stammleserinnen und -leser sind herzlich willkommen ebenso wie neue Interessierte. Ich freue mich auf Ihre und Eure Rückmeldungen und Kommentare und hoffe auf anregende Diskussionen.

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Blogbeiträge, Informationen und Material zu meinen Lehrveranstaltungen, zu Forschungsprojekten und zu meinen Publikationen werden aber weiterhin hier zu finden sein.

 

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Inklusion als Banyan-Baum: Tony Booth in Köln

“Seit einiger Zeit verwende ich den Banyan-Baum gerne als Symbol für Inklusion: Das ist ein wunderbarer Baum, der in Indien wächst. Das Fantastische ist, dass aus den Ästen wieder neue Wurzeln und Ableger wachsen und er sich selbst immer wieder neu sät.“ So erklärt Tony Booth sein Bild des Banyan-Baumes. Außerdem sei der Baum in Indien ein Baum, unter dem sich die Händler träfen, also ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen. Dieses Bild bekräftige seinen Symbolgehalt für den Begriff der Inklusion.

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Tony Booth war auf Einladung der Kölner Kollegin Andrea Platte nach Deutschland gekommen, um mit Studierenden und Expert_innen aus dem Praxisfeld über Inklusion in der Sozialen Arbeit zu diskutieren. Continue Reading

Kompass für die Raumgestaltung: 5 Prinzipien

Derzeit sprießt und wächst es überall– ja, auch in der Natur, aber ich meine hier die vielen neuen und vielen erweiterten Kindertageseinrichtungen, die mit Blick auf den 1. August überall entstehen. Es ist der Stichtag, mit dem Kinder ab einem Jahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz haben. So werden allerorten neue Kitagebäude erstellt und vorhandene Häuser erweitert und aufgestockt (z.B. die Kita Leonardo in Gütersloh). In Köln wird sogar ein Schiff auf dem Rhein zur Kita umgebaut. Unter dem Motto „Fluss statt Land“ entsteht eine Kindertagesbetreuung, die alles hat, was es braucht – sogar ein Außengelände, natürlich gesichert gegen den Absturz ins Wasser. Und auch das aktuelle Heft (5/2013) von der Zeitschrift „Klein & Groß“ beschäftigt sich mit „Räumen zum Wohlfühlen.“ In sechs Artikeln setzen sich die Autorinnen mit verschiedenen Konzepten und Aspekten zur Raumgestaltung auseinander.

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Ich fühlte mich bei Lesen gleich an eine Exkursion erinnert, die ich vor zwei Jahren mit Studierenden unternommen habe, um Raumkonzepte in Kitas zu erkunden. Bei unserer Auseinandersetzung mit dem Thema wurde schnell deutlich, dass es zwar viele überzeugende Ideen und Ansätze gibt, es aber an einem übergreifenden Konzept mangelt. Der Blick in die Zeitschrift zeigt, dass sich dies wohl nicht grundlegend geändert hat: Die Einrichtung von Funktionsräumen und Lernwerkstätten (wie im Beitrag von Heike Baum beschrieben), die Gestaltung einer lernanregenden Umgebung überhaupt, etwa durch Orientierungshilfen, gute Aufbewahrung und Materialorganisation (wie von Una Pabst dargestellt) sind wichtige Hinweise für eine pädagogisch sinnvolle Gestaltung von Räumen. Doch die Übertragbarkeit in die jeweilige Praxis ist nicht ganz einfach. Schon bei unserer Exkursion und deren Auswertung mit den Studierenden wurde deutlich: Die Einrichtungen sind von ihren räumlichen und finanziellen Rahmenbedingungen so verschieden, dass kein Raumkonzept unmittelbar auf einen anderen Raum übertragbar ist. Zwei Strategien können helfen, konkrete Umsetzungsideen zu finden. Ein großer Fundus an Ideen und Anregungen kann dabei helfen, diese konkreten Umsetzungsideen zu entwickeln– keine Einrichtung muss „das Rad neu erfinden“, sondern kann sich natürlich Anstöße von anderen holen, die es dann umzusetzen gilt. Die Beiträge in der neuen „klein & groß“ und die verschiedenen Veröffentlichungen zum Thema bieten dafür bereits Anschauungsmaterial. Was es aber auch braucht, ist eine Art Kompass – Prinzipien, die es bei der Raumgestaltung zu beachten gilt. An dieser Stelle werden fünf Prinzipien als Kompass für eine pädagogische Raumgestaltung definiert:

1. Klarheit

Räume sollten eine Struktur haben, die Kinder leicht verstehen. Bereiche sollten klar abgegrenzt sein (siehe „Funktionalität). Jedes Ding hat seinen Platz, der Raum sollte so organisiert sein, dass Material, Spielzeug, Bücher … einen Ort haben, an den sie gehören. Grenzen schließen auch Ausblicke durch Fenster, Löcher, Tunnel ein. Klarheit bedeutet, dass Räume nicht überfrachtet und vollgestellt sind. Im Mittelpunkt steht das Kind, nicht ein Möbel, ein Spielgerät oder eine Farbe

2. Dokumentation

Das Tun der Kinder soll für alle sichtbar dokumentiert werden. Die in der Reggiopädagogik verbreiteten Wanddokumentationen vereinen Zeichnungen der Kinder, Fotos aus dem Geschehen und von den Erwachsenen aufgeschriebene Kommentare der Kinder zu einer differenzierten Darstellung des Kita-Alltags. Sie dienen damit als visuelles Gedächtnis für Kinder, als Gesprächsanlass für pädagogische Fachkräfte und Eltern, als Bildungsimpuls und, und, und. Dokumentation braucht Platz. Dieser sollte bei der Raumgestaltung eingeplant werden

3. Funktionalität

Die Einrichtung von Funktionsräumen oder zumindest Funktionsbereichen findet immer mehr Verbreitung. Funktionsräume haben viele Wurzeln: in der Offenen Arbeit wie auch in der Reggiopädagogik, wo Kinderrestaurant und Atelier zu wichtigen Bestandteilen jeder Einrichtung gehören. Dieses Prinzip dient der Klarheit und der Orientierung. Funktionalität bedeutet aber auch, dass alle Gegenstände (Möbel, Teppiche, Bilder) aufgrund ihres Gebrauchswertes für Kinder und Erwachsene eingesetzt werden.

4. Erreichbarkeit

Räume sollen so gestaltet sein, dass Kinder die Dinge selbstständig erreichen können, die sie benötigen. Dies ist Ausdruck des Prinzips der Partizipation und stärkt die Fähigkeit der Kinder zur Selbstbestimmung. Selbstverständlich sind dabei Sicherheitsaspekte zu berücksichtigen (z. B. keine Scheren in der Greifhöhe von Krabbelkindern). Allerdings: Kinder lernen auch dadurch, dass wir ihnen etwas zutrauen.

5. Flexibilität

Der Alltag von Kindern ist vielfältig. Die verschiedenen Phasen des Tages, die Abschnitte einer Woche und der Jahreslauf stellen unterschiedliche Erfordernisse an den Raum. Der Morgenkreis erfordert eine große freie Fläche, für die Mahlzeiten werden Tische und Stühle gebraucht und für die Bewegungsbaustelle werden Matten und Tunnel herbeigeschafft. Nicht für jede Aktivität kann eine Einrichtung einen eigenen Raum vorhalten. Deswegen ist es wichtig, dass Möbel leicht zu bewegen sind – ohne dass die Bandscheiben der pädagogischen Fachkräfte unnötig belastet werden.

 

MOOC-Fellowship-Bewerbung “Auf den Anfang kommt es an: Qualität in der Frühpädagogik”

Die Weiterentwicklung von Qualität und Akademisierung in der Frühpädagogik ist eine umfangreiche Aufgabe. Bei 50.000 Kitas in Deutschland ein langwieriger Prozess. Ein MOOC (Massive Open Online Course), ein für alle Interessierten offenes Bildungsangebot im Internet kommt da wie gerufen. Stifterverband und iversity schreiben aktuell 10 Fellowships aus, die die Produktion von MOOCs unterstützen sollen. Unter dem Titel “Auf den Anfang kommt es an: Qualität in der Frühpädagogik” bewerbe ich mich um eines davon:

Es gibt über 200 Bewerbungen! Teil des Auswahlverfahrens ist ein Online-Voting. Deswegen hier die herzliche Einladung zur Abstimmung!

 

Immer weniger „Normale“: Wie Messen und Testen dazu führt, dass es immer mehr Kranke gibt

Wie in anderen Feldern von Bildung und Sozialem gibt es auch in der Frühpädagogik immer mehr Instrumente, um die Wirklichkeit zu messen und zu testen: Der Entwicklungsstand von Kindern, die Qualität einer Einrichtung oder die Wirksamkeit eines Programms werden geprüft und evaluiert. Diese Entwicklung ist wichtig und trägt zu einer Professionalisierung der Arbeit von Pädagoginnen und Pädagogen maßgeblich bei. Durch das systematische Erfassen der Entwicklung von Kindern kann eine optimale Förderung gewährleistet werden, durch die Anwendung von Qualitätsindikatoren eine hochwertige pädagogische Arbeit sichergestellt durch die Evaluation pädagogischer Programme kann fundiert entschieden werden, wo zukünftig investiert wird und wo eher nicht.

Doch die zunehmende Messung und „Messbarmachung“ hat auch unerwünschte Nebenwirkungen. Eine wichtige Nebenwirkung beschreibt der amerikanische Psychiater Allen Frances (2013) in seinem Buch „Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen.“ Frances zeigt zunächst die Schwierigkeiten auf, Normalität und Gesundheit eindeutig zu definieren. Diese Unschärfe ermöglicht es, dass der Bereich der Abnormität und Krankheit immer weiter ausgedehnt wird. Der Anteil des Verhaltens und der Anzeichen, die als Symptome für eine Krankheit gelten, wird immer breiter. Frances führt weiter aus, dass es „Modediagnosen“ gibt, wie etwa bei Kindern Autismus und ADHS: „Unsere Welt vereinheitlicht sich und unsere Toleranz gegenüber individuellem Anderssein, gegenüber Exzentrizität nimmt ab; immer mehr neigen wir dazu, jede Abweichung von einer gefühlten Norm zu pathologisieren: Der Jüngste in der Klasse ist nicht deshalb der körperlich Aktivste, weil er einfach noch jung ist, sondern er leidet zweifellos unter ADHS und muss ein Medikament einnehmen.“ (a.a.O.: 132).

Frances nennt verschiedene Ursachen für diese diagnostische Inflation, wie etwa die Interessen der Pharmaindustrie, die an möglichst vielen Patienten mit möglichst hohem Bedarf an Medikamenten interessiert sei. Eine weitere Ursache – und hier schließt sich der Kreis zu dem Bedarf nach Testung und Messung – beschreibt Frances die Entwicklung von detaillierten Kriterienkatalogen zur Bestimmung von psychischen Störungen, wie etwa die verschiedenen Fassungen des DSM (Diagnostic and Statistic Manual of Mental Disorders). Hier liegt die Analogie zu den zahlreichen Entwicklungstabellen und Beobachtungsbögen für Kinder auf der Hand: Die differenzierte Beschreibung von Entwicklungsständen, die durch die verschiedenen Instrumente unterstützt wird, führt mitunter genau zu der von Frances beschriebenen Pathologisierung.

Kindertageseinrichtungen, Eltern und nicht zuletzt diejenigen, die Fördermaßnahmen finanzieren (Kommunen, Krankenkassen etc.) fordern standardisierte und objektive Hinweise darauf, was ein Kind in welchem Alter können sollte. Dies scheint im Sinne der Kinder zu sein, denn eine handfeste Diagnose ermöglicht es oft erst, Frühförderung, Logopädie, Integrationshilfe und andere Therapien zu erwirken und einzusetzen. Und natürlich sind standardisierte Beobachtungstabellen nützliche Instrumente, um herauszufinden, wo ein Kind steht und welchen Unterstützungsbedarf es hat. Vielleicht sind sie jedoch auch in Frances’ Sinne eine Art Steilvorlage für die Definition eines zunächst einfach nur anderen Verhaltens als Krankheit. Möglicherweise wird dadurch die Grenze zwischen normal und abnormal weiter verschoben und der Bereich dessen, was als „normal“ wahrgenommen wird, wird weiter begrenzt.

Frances, Allen (2013): Normal. Gegen die Inflation der psychiatrischen Diagnosen, Köln.

Nachtrag zum Thema im Mai 2013: Unter dem Titel “Heute noch normal, morgen schon verrückt” findet sich in ZEIT-Inline ein Artikel zum DSM-5.

Medienkindheit: Zwischen Verfallspanorama und Entwicklungsperspektive

In dieser Woche bin ich mit meinem Blog-Beitrag zu Gast auf “Soziale Medienbildung”, der virtuellen Heimat der Medienpädagogik am Fachbereich Sozialwesen und der Weiterbildung meiner Hochschule. Mein Beitrag befasst sich mit der widersprüchlichen Wahrnehmung von Mediennutzung in der Kindheit: Immer wieder wird nahezu dramatisch auf den mit Medien verbundenen gesellschaftlichen Verfall verwiesen. Müssen PädagogInnen Kinder nicht vor der Bedrohung durch Medienwelten bewahren? Doch andererseits bieten Medien auch große Potenziale für die Entwicklung von Kindern. Welche dies sind, lesen Sie hier.

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Unglückliche Kinder? Die neue UNICEF Kinderstudie

Die Situation von Kindern und Jugendlichen war in der vergangenen Woche ein wichtiges Thema in den Medien. Dank der neuen UNICEF-Studie zur Lage der Kinder, befassten sich zahlreiche Beiträge mit der Perspektive von Kindern und der Frage, wie man diese verbessern könne. Für alle, die sich tagtäglich mit den Rahmenbedingungen des Aufwachsens von Kindern befassen eine positive Entwicklung. Eigentlich. Denn die Argumentation, die die Berichterstattung nahm, gibt zu denken. Continue Reading

Heute schon visualisiert?!

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin ein großer Fan von Visualisierungen. Sie können Texte auf den Punkt bringen, auflockern, sinnvoll ergänzen. Gerade bei komplizierten Zusammenhängen kann eine gut gemachte Visualisierung dabei helfen, Strukturen besser zu durchschauen. Und auch für die Auseinandersetzung mit Themen, das Lesen von Literatur und das Erstellen von Texten – also für das wissenschaftliche Arbeiten insgesamt – sind Visualisierungen eine gute Hilfe. Hilfreich für den Einstieg sind verschiedene Techniken, bei denen man ein bestimmtes Modell umsetzt, wie etwa die Mind Map und die Concept Map. Diese wortorientierten Verfahren verlangen für ihr Gelingen auch keine großartigen künstlerischen Fähigkeiten und ihr Prinzip ist leicht verständlich.

Eine Hürde für die Visualisierung ist die dazu notwendige Vereinfachung. Continue Reading